Der unbekannte Prophet Jakob Lorber

– so nannte Wilhelm Kirchgässer (Kurt Eggenstein) sein Buch, das den göttlichen Ursprung der Neuoffenbarung belegen sollte und dem wir uns zu Beginn dieser Rezension widmeten (vgl. Kapitel "Kurt Eggenstein"). Kirchgässer bezog das "unbekannt" natürlich auf die Welt außerhalb der eingeweihten Lorberfreunde. Selbstredend, dass Kirchgässer davon ausging, genug über die Person Jakob Lorbers zu wissen um ausschließen zu können, dass sein Werk nicht Resultat einer psychotischen Störung sein kann. Doch was wusste Kirchgässer über Jakob Lorber? Was wissen die Freunde der Neuoffenbarung Jakob Lorbers über ihn? Und woher wissen sie es?

Werke wie "Briefe Lorbers" mit vielen Bildern, Briefen und Anekdoten aus Lorbers Leben, aber auch die Neuoffenbarung selbst, in der Lorber Fragen stellt oder in der das "innere Wort" über ihn, den Schreibknecht, redet, geben den Freunden der Neuoffenbarung das Gefühl, gut über den Menschen Jakob Lorber informiert zu sein. Stärker aber wiegt das, was sich Neuoffenbarungsfreunde gegenseitig immer wieder bestätigen: Lorber, der einfache, schlichte, demütige, unauffällige Mann, der im blinden Vertrauen auf Gott eine helle Stimme in seinem Herzen vernimmt und so fehlerfrei und rein der Welt die tiefsten Geheimnisse offenbart.

Wie wenig über Jakob Lorber selbst kurz nach seinem Tod bekannt war, zeigt die Auseinandersetzung von Karl Gottfried Ritter von Leitner mit einem Artikel der Zeitschrift "Psychische Studien". Nach diesem Artikel wuchs Lorber als Waise auf, lesen und schreiben waren ihm "antipathisch":

»Ich weiß nicht, ob dieser Vorläufer der Schreibmedien mechanistisch, oder innerlich auffassend schrieb – aber die Mehrheit der von ihm gestellten und behandelten Fragen, die Höhe der Probleme, welche er erklärte, das Ganze dieser wichtigen Arbeiten beurkundet sicher das Eingreifen einer höheren Intelligenz, als die dieses armen Bierfiedlers, der sein Leben fristete auf den untersten Stufen der Kunst, und der in fortwährender Trunksucht sein Elend zu vergessen suchte.«

Psychische Studien, 4. Heft S. 159f, April 1878


So tauglich diese Darstellung aus Sicht parapsychologisch interessierter Leser auch sein mag, Erstaunen über Lorbers Texte auszulösen und eine "höhere Intelligenz" zu akzeptieren, zeigt sie doch weitgehende Unkenntnis über die Person Jakob Lorbers. Jakob Lorber war bei weitem nicht der naive Trottel, zu dem er in diesem Artikel degradiert wird. Zu Recht wendet sich der Schriftsteller Karl Gottfried Ritter von Leitner mit seiner "wahrheitsgetreuen Lebensskizze" im Novemberheft 1879 gegen die Darstellung dieser vorangegangenen Ausgabe. In wieweit aber nun wiederum ein glühender Anhänger Lorbers in der Lage ist, einen objektiven Bericht über das Leben von Jakob Lorber zu verfassen, ist fraglich. Wenn man Leitners spätere, auf der Lebensskizze aufbauende Lebensbeschreibung liest, die heute als Handschrift Nr. 1770 im Steiermärkischen Landesarchiv in Graz liegt, kann man ihm aber zumindest ein ehrliches Bemühen um "Wahrheitstreue" nicht absprechen. Diese umfangreichere Handschrift druckte 1924 zuerst der Leykam- Verlag und später der Lorber-Verlag (damals "Neu- Salems-Verlag") unter Berufung auf eben diese Handschriften (vgl. das jeweilige Vorwort). Und auf dieser gedruckten Biographie des Lorber-Verlages beruht nun wiederum nach außen das Bild, das sich Lorberfreunde von Jakob Lorber machen. Doch schon hier ergeben sich Unstimmigkeiten:

Vergleicht man "Briefe Lorbers", die die "Lebensbeschreibung" enthalten, oder die dritte Auflage der "Lebensbeschreibung" des Lorber-Verlages mit der Erstauflage des Leykam-Verlages, so erkennt man bereits einige Unterschiede. Aussagen Ritter von Leitners über Lorbers ungepflegtes Äußeres (vgl. Erstauflage S. 20) wurden ebenso weggelassen wie einige der bissigen Kommentare zu seinem wirren Musikstil aus dem Beiblatt der Grazer Zeitung "Der Aufmerksame" (vgl. Erstauflage S. 11f). Statt dessen lässt man Ritter von Leitner Lorbers Werk mit den Worten anpreisen:

»Außer dem zehnbändigen "Großen Evangelium Johannis" (1851-64) entstand so unter Lorbers Feder eine stattliche Reihe zum Teile mehrbändiger Werke – schon rein äußerlich der Zahl und dem Umfange nach ein Zeugnis der erstaunlichsten geistigen Fruchtbarkeit! Erwähnt sei hier: (...)«

Jakob Lorber – Lebensbeschreibung 1930, S. 19


Auch ein Briefzitat wird Ritter von Leitner in den Mund gelegt, in welchem Lorber sich zu seinem "inneren Wort" äußert und die Passage, die Lorber als "mechanisches Schreibmedium" darstellt entsprechend unterschlagen (vgl. Kapitel "der Lorber-Verlag").

Vergleicht man nun wiederum die Erstauflage der Biographie Leitners mit den Handschriften aus dem Steiermärkischen Landesarchiv, so fällt auf, dass eine Textpassage von Seite 35 (letztes Viertel) bis Seite 38 (bis letztes Drittel) aus den Handschriften bereits in der Erstauflage komplett fehlt. Zunächst geht es dort nur um eine Stimme, die Lorber wie hinter einem "Vorhang" vernimmt und die ihn zu einer "Sonnenblume" machen will, aus deren Kernen dann Öl gepresst werden soll, welche Taube hörend und Binde sehend macht. Doch nach der Frage, ob Lorber mit seinen Schriften insgesamt ein "philosophisches System" offenbart, wird es interessant. Lorber gesteht Ritter von Leitner, dass er

»so unrichtig und der Verbesserung bedürftig«

Lebensbeschreibung, Handschrift, S. 36


schreibe, dass die Stimme ihn deshalb rüge, da er dadurch nur langsam vorwärts käme. Leitner erklärt dies zunächst damit, dass Lorber eher Ideen und Bilder hätte, statt konkrete Worte zu hören.

»Dieser Meinung widersprach aber Lorber auf das Entschiedenste. Er sagte wiederholt, dass er in seiner Brust auf der Seite des Herzens unzweifelhaft eine Stimme vernehme die ihm deutlich Worte zuflüstere«

Lebensbeschreibung, Handschrift, S. 37


Allerdings würden ihn die "lebhafte Anschauung" des Gehörten und "äußerer Lärm" ablenken, was dann dazu führen könne, dass er ganze Wörter überhöre. In diesem Zusammenhang steht nun:

»Andererseits ist aber wieder eine Äußerung Lorbers merkwürdig, die ihn doch auch den eigentlichen Schreibmedien annähert, indem er versicherte: am schnellsten und zugleich richtigsten schreibe er dann, wenn er die Hand sich ganz mechanisch mit der Feder fortbewegen lasse.«

Lebensbeschreibung, Handschrift, S. 38


Nur diesen einen Satz ließ man in der Erstausgabe von der über vier Seiten gehenden Auseinandersetzung über Lorbers fehleranfälliges "inneres Wort" übrig, passte er doch gut zu dem postulierten "reinsten Gotteswort". Nachdem immer deutlicher wurde, dass auch der inzwischen gegründete Neu-Salems-Verlag (Lorber- Verlag) dieses "reinste Gotteswort" an vielen Stellen "korrigieren" musste, ließ der Verlag diesen Satz in seiner Auflage auch noch weg. Hätte Prof. Dr. Friedrich Heer Lorbers Biographie so gelesen, wie sie ursprünglich geschrieben wurde, hätte er gelesen, dass Lorber nach eigener Aussage "unrichtig und der Verbesserung bedürftig" schreibt, so hätte er wohl nicht "ruhigen Gewissens" bezeugen können (vgl. Prolog):

»(...) so hat er sich auch nie beim Diktat verschrieben. Keine Korrekturen, alles fließt aus der Stimme, die er in seinem Herzen vernimmt. Also: nimm und lies, lies Jakob Lorber!«

Prof. Dr. Friedrich Heer, Historiker


Und während man Heer überall werbewirksam zitiert, ließ man in der Biographie nicht nur Ritter von Leitners Auseinandersetzung mit Lorbers "innerem Wort" und Lorbers Geständnisse weg, man legte Ritter von Leitner später sogar ein Briefzitat in den Mund, welches teilweise das Gegenteil von Leitners Bedenken zum Ausdruck bringt und ein bestimmtes Bild der Offenbarung forciert und zementiert:

»Bezüglich des inneren Wortes, wie man dasselbe vernimmt, kann ich, von mir selbst sprechend, nur sagen, daß ich des Herrn heiliges Wort stets in der Gegend des Herzens wie einen höchst klaren Gedanken, licht und rein, wie ausgesprochene Worte, vernehme. Niemand, mir noch so nahestehend, kann etwas von irgendeiner Stimme hören. Für mich erklingt diese Gnadenstimme aber dennoch heller als jeder noch so laute materielle Ton.
- Das ist aber nun auch schon alles, was ich Ihnen aus meiner Erfahrung sagen kann.«

Jakob Lorber – Lebensbeschreibung
3. Auflage 1930, S. 15f


Während nach Ritter von Leitners Biographie die Stimme so "zugeflüstert" wird, dass sie Lorber bei Nebengeräuschen nicht mehr versteht, ist diese Stimme nun "heller als jeder noch so laute materielle Ton." Da der Brief in älteren Schriften Leitners fehlt und in "Briefe Lorbers" nicht als Brief sondern wieder nur als Teil der Lebensbeschreibung abgedruckt wird, bleibt als älteste Quelle nur Heft 1 der Zeitschrift "Psychische Studien" vom Januar 1877. Gemäß dieser Quelle schrieb Jakob Lorber diesen Brief am 6. Februar 1858 an seinen Herausgeber Johannes Busch, der aus unerfindlichen Gründen in der Lebensbeschreibung vom Lorber-Verlag, (der sich in der Tradition Johannes Buschs sieht, vgl. Lebensbeschreibung 1930, S. 35) nur anonym als "ein Freund" bezeichnet wird.

Dass ausgerechnet Lorbers "inneres Wort" das letzte Wort über die Darstellung seines Lebens hat und diese Darstellung Ritter von Leitner einfach übergestülpt wird, ist dabei kein Zufall. Ritter von Leitner war nach allem, was er selbst aussagte und nach dem, was durch die Neuoffenbarung überliefert wurde, ein gläubiger Anhänger der Neuoffenbarung. Und die ließ dem Biographen schon vorher keine Möglichkeit, eine unabhängige Biographie zu schreiben. Denn lange bevor Ritter von Leitner auch nur einen Satz geschrieben hatte, wurde den Neuoffenbarungsfreunden bereits von „Gott“ persönlich mitgeteilt, wer Jakob Lorber war, wie er war und wie er zu verstehen sei. Demnach war Lorber arm, schwach, einfältig, faul, unnütz, nichtswürdig, töricht und ein "armer Hascher", da "in seinem Kopfe fast nichts" war und er "aus sich auch nichts wissen" konnte, da er nicht grübelte und nicht forschte. "Gott" offenbarte aber auch, dass er gehorsam, fromm, demutsvoll, treuherzig, unermüdlich, redlich, scharf sehend und sanft gewesen sein soll (vgl. z.B. Himmelsgaben 15.6.1840, 15.8.1840, 13.10.1840, 30.10.1840, 4.11.1840, 26.1.1841, 17.12.1841, 6.1.1842, 7.6.1842, 8.8.1842, 4.3.1848, 4.4.1848, 17.8.1848). Und so verlangte "Gott":

»glaubet ungezweifelt, was Ich euch durch Meinen einfältigen Knecht kundgebe!«

Himmelsgaben, Band 1 vom 2.8.1840


– was all die Aussagen über Lorber damit aber einschließt. Es ist somit klar, dass Ritter von Leitner eigentlich nichts schreiben konnte, was dieser Darstellung widerspricht, da sie aus seiner Sicht ja von Gott kam und damit unfehlbar war und ist. Und wenn sich Ritter von Leitner nach "langjährigem persönlichen Umgange" dennoch an Begebenheiten erinnerte, die diesem von "Gott" geoffenbarten Bild widersprechen, so muss sich "natürlich" Ritter von Leitner geirrt haben und dann ist es auch "nur legitim", ihn anhand des Bildes, welches die Neuoffenbarung vermittelt, zu korrigieren. Gegenüber dem skeptischen Blick von außen wird der objektive Ritter von Leitner als Biograph hochgehalten, die Kenner der Neuoffenbarung brauchen ihn jedoch letztlich nicht mehr, sagt ihnen doch "Gott" viel zuverlässiger, wer Jakob Lorber war. Dieses von der Neuoffenbarung selbst vermittelte Bild prägt offenbar viel stärker als die Aussagen dieses doch so hoch geschätzten Augenzeugen.

Schon die kurze Sammlung von Geschichten über Lorber aus zweiter Hand, die auf die Hausbesitzerin Antonia Großheim zurückgehen soll (vgl. Lebensbeschreibung 1930, S. 34-38), überhöht Lorber. War Jakob Lorber in "Psychische Studien" noch ein "Bierfiedler" auf der "untersten Stufe der Kunst", so spielte sich Lorber hier mit seinem "wunderbaren Violinspiel" so in die Herzen seiner Zuhörer, "dass sie weinen mussten vor Liebe und Glück." Wieder wird Lorbers "inneres Wort" zitiert, wonach Lorber "sehr reich sein" könnte, "da er als Tonkünstler auch durch meine Gnade die besten Fähigkeiten dazu besitzt." Dabei war Lorber nach Ritter von Leitner vor seiner "Berufung" bis zu seinem 40. Lebensjahr ohne feste Anstellung (Lebensbeschreibung, Erstauflage, S.14). Wieder dominiert die Neuoffenbarung statt der Darstellung des Ritter von Leitner.

Auch in dem Film "Jakob Lorber – ... und hättet ihr nicht das ganze Universum in euch ..." von Stephan Kayser in Zusammenarbeit mit der Lorber-Gesellschaft, 1988, wird die Biographie von Ritter von Leitner zwar als Quelle angeführt, aber nur auszugsweise wiedergegeben. Statt dessen wird behauptet:

»Auch seine Freunde und Zeitgenossen mussten ihre Zweifel und Bedenken erst besiegen. Das, was Lorber fast täglich über Jahre hinweg zu Papier brachte, war zwar etwas Weltbild bewegendes - aber konnte dies nicht der eigenen Phantasie, oder gar einem Zustand der Schizophrenie entsprungen sein? Der bereits erwähnte Komponist und Schubert-Freund Anselm Hüttenbrenner sowie dessen Bruder Andreas Hüttenbrenner, damals erster Bürgermeister von Graz, scheuten sich nicht, bekannte Ärzte hinzu zu ziehen um Klarheit über den Geistes- und Gesundheitszustand Lorbers zu gewinnen. Doch auch ein Dr. Justinus Kerner, Arzt und Dichter in einer Person, musste erkennen: Lorbers Aufzeichnungen waren nicht Früchte eines überhitzten Gemüts oder geisteswirrer Einbildungen, sondern es waren die Früchte einer wunderbaren, geheimnisvollen Kraft und Macht.«

Nirgends in der Biographie von Ritter von Leitner wird erwähnt, dass Lorbers Geisteszustand im Auftrag seiner Freunde untersucht wurde. Anselm Hüttenbrenner nahm Kontakt zu Dr. Justinus Kerner auf, um die Neuoffenbarung zu veröffentlichen, ihn plagten zu diesem Zeitpunkt also offenbar keine Zweifel. Kerner war spiritistischen und okkultistischen Fragen zugewandt. So nahm er beispielsweise Friederike Hauffe (1801–1829) einige Zeit bei sich auf und veröffentlichte im Jahre 1829 das zweibändige Werk "Die Seherin von Prevorst" über sie. Nach Ritter von Leitner gehörten die Schriften Kerners ebenfalls zu denen, die Lorber vor seinem Hörerlebnis las. Und so verwundert es nicht, dass Kerner Interesse zeigte und 1851 anonym "Briefwechsel Jesu mit Abgarus" und "Brief des Paulus an die Gemeinde von Laodizea" drucken ließ. Schließlich wurde er nicht als Arzt konsultiert, sondern als Gleichgesinnter im Interesse spiritistischer und okkulter Phänomene.

Auch Edith Mikeleitis wird in dem Film als "Kennerin" Lorbers zitiert, obwohl sie erst über 40 Jahre nach Lorbers Tod geboren wurde. Ihre Befähigung, sich kompetent über Jakob Lorber äußern zu können, erhielt sie demnach nicht aufgrund einer persönlicher Bekanntschaft mit Lorber, wie etwa Ritter von Leitner, sondern dadurch, dass sie die Neuoffenbarung gelesen und verinnerlicht hatte. Und so schrieb sie, trotz der leiblichen Tochter Lorbers (vgl. Kapitel "Lorbers Tochter"):

»Niemals hört man von einer näheren Beziehung zum weiblichen Geschlecht (...)«

Der Plan Gottes. Ein Lorber-Brevier. Lorber- Verlag Bietigheim 1964, S. 16

In dieser Weise ist auch die Fehleinschätzung von Professor Heer zu verstehen, der über 50 Jahre nach Lorbers Tod geboren wurde und diesen daher ebenfalls nicht kannte.

Selbst innerhalb der 3. Auflage der Biographie von Ritter von Leitner wird Leitners Text in einer Fußnote widersprochen:

»Zur Richtigstellung der Swedenborg betreffenden Angabe, siehe die Wiedergabe einer Bemerkung von Lorbers Freund Cantily in "Briefe Jakob Lorbers, Urkunden und Bilder aus seinem Leben".«

Jakob Lorber – Lebensbeschreibung
3. Auflage 1930, S. 13

Der Grazer Apotheker und Lorberfreund Leopold Cantily korrigiert dort:

»Dieses Buch war Eigentum Jakob Lorbers, der es mir 1862 gab. Ob er es gelesen, weiß ich nicht. Es scheint aber, da er mir dasselbe empfahl; jedoch Einfluss auf seine Schriften, besonders die vom Herrn selbst diktierten, hatte es nicht. Mit dem Lesen hatte er seit 1840 keine besondere Freude, denn ich erhielt von ihm mehrere, schon lange in Seinem Besitz befindliche Bücher, z. B. auch den ganzen Swedenborg vera Christiana religio unaufgeschnitten, zudem war er des Latein nicht mächtig (...)«

Briefe Jakob Lorbers. Neu-Salems-Gesellschaft, Bietigheim 1931, S. 112

Obwohl Cantily Lorber kannte, folgte er bei der Frage, ob Lorber von Swedenborg beeinflusst worden sein kann, dem Prinzip, dass Lorber einfältig und unbeeinflusst schrieb und deshalb nicht ist, was nicht sein darf. Denn natürlich konnte Lorber Latein. Lorber wollte einst Priester werden, wollte deshalb aufs Gymnasium und erhielt bereits vor dem Besuch des Gymnasiums von einem Kaplan Lateinunterricht (vgl. Lebensbeschreibung, Erstauflage S.9). Anschließend lernte er Latein im Gymnasium und erhielt im Zeugnis die Bestnote "prima cum eminentia" (vgl. Briefe Lorbers, Erstauflage S. 107).

Ritter von Leitner schrieb:

»Als er den 33. Absatz des fünften Kapitels des schon erwähnten Werkes vollendet hatte, legte er die Feder weg, nahm die Mütze vom Haupte und sagte halblaut: "Deo gratias!"«

Jakob Lorber – Lebensbeschreibung
1. Auflage 1924, S. 22

Hatte also Swedenborg Einfluss auf Jakob Lorber? Der Leiter des Swedenborg Zentrums in Zürich, Thomas Noak, findet viele Inhalte Swedenborgs in Lorbers Neuoffenbarung wieder (Text vom 29.8.2002. In: Offene Tore 4 (2002) 198-204). Er schreibt, hier werde deutlich

»was "aus Swedenborg" alles erwachsen kann (...) an Lorber kann man studieren, was für ein enormes Entwicklungspotential jenseits ängstlicher Orthodoxie in swedenborgschen Ideen steckt«

Nimmt man aber an, dass die Neuoffenbarung von Gott stammt, so ist die Frage doch eine ganz andere: Hat Swedenborgs Lektüre Lorber oder tatsächlich Gott selbst beeinflusst? Wie kann es sein, dass eine von Gott diktierte Neuoffenbarung von dem beeinflusst wurde, was Jakob Lorber vorher las? Entwickelte Gott seine Offenbarung anhand der Ideen von Immanuel Swedenborg, wie es Thomas Noak schreibt?

Zumindest Swedenborg passt nicht in das Schema des einfachen, kindlichen, unbeeinflussten Geistes. Er studierte Philologie, Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften und Theologie, begab sich auf Studienreisen, brachte einige Erfindungen hervor und veröffentlichte mehrere wissenschaftliche Texte, beisielsweise über Algebra, den Planetenlauf oder Ebbe und Flut, bevor er sich der Theosophie zuwandte. Aber wie sieht es mit Jakob Lorber aus?

Das Bild von Jakob Lorber, das Bild eines einfachen, schlichten, demütigen, unauffälligen Mannes, dessen kindlicher Geist nicht fähig sei, ein Werk wie die Neuoffenbarung hervorzubringen, beruht letztlich auf einem Zirkelschluss, auf dem Bild, das die Neuoffenbarung über Lorber und damit über sich selbst vermittelt. Das Bild des keuschen Heiligen mit reinem Herzen, der im blinden Vertrauen auf Gott eine helle Stimme in seinem Herzen vernimmt und so fehlerfrei und rein der Welt die tiefsten Geheimnisse offenbart, ist somit nicht historisch verankert, sondern dogmatisch. Dieses Bild hatten Edith Mikeleitis, Friedrich Heer und in gewissem Umfang auch Antonia Großheim, Leopold Cantily und sogar Ritter von Leitner verinnerlicht und dieses Bild entwickelten sie weiter, indem sie selbst wiederum, ausgehend von diesem Bild, Zeugnis ablegten von einem Jakob Lorber, den sie teilweise selbst nie persönlich kennen gelernt haben. Auf diese Weise mischten sich christliche Idealvorstellungen mit schemenhaften Fakten und formten mehr und mehr einen kerygmatischen Lorber heraus, der mit der historischen Figur freilich kaum noch Ähnlichkeit hat. Schließlich ist nicht einmal widerspruchsfrei dokumentiert wie Jakob Lorber das "innere Wort" nun wirklich vernahm.

Am ehesten wird man den historischen Jakob Lorber wohl anhand der ursprünglichen Texte von Ritter von Leitner erahnen können, einen Jakob Lorber, den, wie Ritter von Leitner schreibt, seine musikalischen Leistungen innerlich nicht befriedigen konnten, der sich mit christlichen Mystikern beschäftigte und einen nach dem anderen las. Der versuchte, in die materiellen und geistlichen Geheimnisse der Schöpfung einzutauchen, der beobachtete, nachdachte, sich ein Fernrohr baute, der mehr sein wollte als die zweite Geige, der großen Genies nacheiferte und dabei gerade dann, wenn er selbst Großartiges, Verwegenes und Geniales zu Tage brachte, sich ins Wunderliche und Bizarre verlor und um dessen Geisteszustand sich Ritter von Leitner zunächst ernsthaft Sorgen machte, als er ihm berichtete, eine Stimme zu hören (vgl. Erstauflage S. 21).

Es ist letztlich nicht viel, was man über diesen historischen Jakob Lorber weiß, auch wenn nach wie vor Gegenteiliges behauptet und produziert wird. Bedient wird dabei lediglich ein liebgewonnenes Bild einer treuen Leserschaft, die in der Vorstellung davon, wie Jakob Lorber war und wie er sich in der Neuoffenbarung selbst darstellt (oder dargestellt wird), bestätigt werden will. Vermutungen, beispielsweise über seinen geistigen Zustand und seinen schöpferischen Drang, lassen sich allenfalls anhand der Handschrift der Biographie von Ritter von Leitner und auch dort nur mit großer Vorsicht, aufstellen.

Und so bleiben, neben aller Unsicherheit, tatsächlich wieder nur seine Schriften, die uns, wenn überhaupt, einen Eindruck von dem unbekannten Propheten Jakob Lorber geben –

vorausgesetzt, sie wurden nicht ebenfalls Opfer von Maßnahmen, die das Bild Lorbers und seiner Neuoffenbarung in einem anderen Licht erscheinen lassen sollten.



Psychische Studien 1878/1879
Lebensbeschreibung (Handschriften, 1924, 1930, 1931)
Psychische Studien 1877
Bilder zu Korrekturen in den Handschriften Lorbers
Lorbers Lateinkenntnisse


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