Die Rolle des Lorber-Verlages

Wir hatten bereits die Rolle des Lorber-Verlages bei seinem Versuch, kritische Stellen zu retten, thematisiert. Dabei wurde gezeigt, dass der Lorber-Verlag Texte Lorbers unkommentiert abändert. Die Frage ist nun, wie weit diese Änderungen gehen und ab wann sie es rechtfertigen, vom Lorberverlag als Autor der Neuoffenbarung zu sprechen? Dazu ein Vergleich:

Man stelle sich vor, ein Verlag hätte alle historischen Bibelabschriften und Fragmente bei sich unter Verschluss. Die Fragmente wären unveröffentlicht und die Bibel wäre schlicht das, was dieser Verlag uns als Bibel verkauft. Er könnte also festlegen, was Jesus zum Beispiel in der Bergpredigt sagt oder wie er stirbt. Und dieser Verlag ändert die Bibel ein wenig ab. Die Bergpredigt wird an den Kapitalismus angepasst und den ärgerlichen Teil mit dem Kreuzestod und der Auferstehung läßt man einfach ganz weg. Das Ende der Evangelien wird entsprechend angepasst: "Und Jesus und Seine Jünger lebten glücklich bis an ihr Lebensende." Dann wäre das die Bibel. Eine andere würde man nicht kennen. Der Verlag könnte in der Einleitung versichern, nichts verändert und den Inhalt vollständig wiedergegeben zu haben und niemand würde etwas merken. Die Menschen würden ihr Leben danach führen und ihren Glauben daran ausrichten. Aber nicht an dem echten Jesus, sondern an einem fiktiven Jesus, den der Verlag konstruiert hat.

Wenn Gläubige ihrer Meinung nach den wiedergekommenen Jesus in Form der Neuoffenbarung in Händen halten, so halten sie streng genommen nur Papier in den Händen, das vom Lorber-Verlag mit Texten bedruckt wurde. Welche Texte Lorbers gedruckt werden und was davon überhaupt von Jakob Lorber stammt, bestimmt der Lorber-Verlag. Und der steht vor einer schwierigen Wahl:

Entweder er druckt die Neuoffenbarung von Jakob Lorber so wie sie ist, dann riskieren er aber, dass die Menschen diese Neuoffenbarung aufgrund der Irrtümer, Widersprüche und moralischen Fehlgriffe ablehnen, was auch das Ende des Verlages bedeuten könnte

oder

Er druckt irgendeine andere „Neuoffenbarung“, legen sie Jakob Lorber in den Mund und versichert hoch und heilig, das sei das Original. Dann belügt er zwar die Gläubigen, die nun nur noch an eine vom Lorber-Verlag erschaffene Neuoffenbarung glauben, aber die Texte sind nicht mehr so anstößig und der Verlag kann weiter Bücher verkaufen. Papier ist schließlich geduldig.

Tatsächlich ist die Situation für den Lorber-Verlag noch komplizierter. Ausgaben, die bei ihrem Erscheinen vielleicht noch gesellschaftlich akzeptabel waren, hätte man bereits wenige Jahrzehnte später wegen Volksverhetzung wohl nicht mehr drucken können. All die Aktivitäten des Lorber-Verlages konnten ja nur aufgedeckt werden, da der Verlag seine eigenen Veröffentlichungen mir der Zeit immer weiter zensierte und abänderte. Auch wenn man nicht sagen kann, ob, in welcher Weise und in welchem Umfang die Neuoffenbarung von Anfang an gefälscht wurde (Ausnahme: Jugend Jesu) – dass sie geändert wurde, läßt sich allein schon anhand des Vergleichs früherer und neuerer Auflagen zeigen. Damit besteht aber nicht mehr die Möglichkeit, die Neuoffenbarung komplett umzuschreiben. Veränderungen und Kürzungen können nur sehr vorsichtig nach und nach vorgenommen werden, falls man sicherstellen will, dass dem Leser solche Änderungen nicht auffallen. Damit besteht einerseits die Gefahr, bei einer Fälschung erwischt zu werden und andererseits das Problem, dass die Neuoffenbarung den kritischen Leser trotzdem nicht überzeugt. Obwohl die Tatsache, dass viele frühere Ausgaben der Neuoffenbarung nahezu vergriffen sind, einen gewissen Schutz darstellt, ist das Standbein Neuoffenbarung nicht mehr besonders sicher.

Während auf der Internetseite des Lorber-Verlages nur Neuoffenbarungen und Sekundärliteratur dazu angeboten wird, erfährt man auf der Seite des Turm-Verlages, dass Lorber-Verlag und Turm-Verlag zusammengehören. Und dort findet man auch ganz andere Literatur. Ob diese Literatur der Neuoffenbarung zum Teil widerspricht müsste noch geprüft werden. Deutlich ist jedenfalls, dass damit ein zweites Standbein neben der Neuoffenbarung existiert, welches unter dem Namen „Lorber-Verlag“ nicht genannt wird (Stand Januar 2011).

Doch zurück zu den Texten, die Jakob Lorber geschrieben hat und jenen, die der Lorber-Verlag druckt. Die im Folgenden verkleinert dargestellten Seiten zeigen die Erstausgabe der „Erde“ (die Seiten lassen sich vergrößern, indem man darauf klickt). Die Unterschiede ergeben sich aus dem Vergleich der zweiten Ausgabe von 1883 von C. F. Landbeck, die noch die Textblöcke der Erstausgabe von Johannes Busch 1856 bzw. von Ch. F. Zimpel 1852 enthalten, mit der 6. Auflage des Lorber- Verlages von 1983.

Die vom Verlag zensierten Teile dieses "reinsten Gotteswortes" wurden von mir zur besseren Übersicht, wie bei Zensuren früher üblich, geschwärzt. Dazu der Lorberverlag (6. Auflage, S. 11):



»Es erschien angebracht, diese Neuauflage zur leichteren Lesbarkeit stilistisch und ausdrucksmäßig zu überarbeiten, selbstverständlich unter Wahrung des vollständigen Inhaltes.«



Viele kleine Änderungen, die sich durch den ganzen Text von „Erde und Mond“ ziehen, betreffen vor allem Lorbers überfrachteten und dabei trotzdem eintönigen Schreibstil. Sinnlose Aneinanderreihungen von Beispielen und kaum nachvollziehbare Vergleiche wurden vom Lorber-Verlag entfernt und sprachlich geglättet. Der sachlich kurze, eloquente Sprachgebrauch der Überarbeitung täuscht über den psychisch auffälligen Sprachgebrauch Lorbers zum Teil hinweg (vgl. die beiden letzten Kapitel). Falsche oder lächerlich wirkende Erklärungen, Einschübe und Beispiele wurden ebenfalls weggelassen. Der Umfang der Kürzungen entspricht dabei allerdings nicht wie im Eingangsbeispiel dem Weglassen von Jesu Kreuzestod und Auferstehung. Würde man die Bibel im Verhältnis genauso kürzen wie die „Erde“, würden auf den meisten Seiten Verse oder ganze Abschnitte fehlen. Zusätzlich wäre auch das gesamte neue Testament weg. Manche Passagen wären dabei so verändert, dass sie das Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung aussagen würden.

Viel augenfälliger ist aber, dass der Text nicht gleichmäßig gestrafft, sondern große Sinnabschnitte restlos gestrichen wurden, während andere Kapitel fast unverändert blieben. Die Überarbeitung war also, anders als es der Lorber-Verlag beteuert, vor allem eine massive inhaltliche Korrektur eines angeblich von Gott selbst diktierten Werkes.

Die dargestellten Zensuren erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Insbesondere Änderungen blieben meist unberücksichtigt. Immer wieder gibt es Anfragen von Lesern, die dem Lorber-Verlag eine so derbe Fälschung nicht zutrauen. Da ich beide Ausgaben von „Erde und Mond“ besitze, kann ich zur Überprüfung gerne einen Notar mit der Zustellung einer notariell beglaubigten Kopie der beiden Ausgaben beauftragen, sofern dem Notar die Kosten dafür im Voraus erstattet werden.

Manche Lorberfreunde kennen auch schon das Problem mit den Textänderungen. Zum Teil wird der Lorber-Verlag auch von Lorberfreunden für die Zensuren und Änderungen scharf kritisiert. Nur – reicht das aus, wenn man anschließend wieder die Bücher liest und glaubt, hier würde Gott reden? Mag sein, dass der Lorber-Verlag seine Zusicherung, den Inhalt nicht verändert zu haben, nur auf den Unterschied zwischen der fünften und der sechsten Auflage bezieht. Aber dann sollte er das auch so schreiben. Wenn die Neuoffenbarung das Produkt eines psychisch kranken Menschen ist und das nur deshalb nicht unmittelbar auffällt, weil sie der Lorber-Verlag anpasst, was haben dann die Menschen von dieser Neuoffenbarung? Der Lorber-Verlag kann den Menschen eine andere Neuoffenbarung geben. Aber kann er ihnen auch einen anderen Gott, einen anderen Jesus oder ein anderes Jenseits beschaffen?

Viele Verschwörungstheorien um die Kirche und den Vatikan gehen davon aus, dass die Bibel von der Kirche aus machtpolitischen Gründen zensiert und verändert wurde. Dabei lassen sich trotz der vergangenen Jahrtausende kaum Änderungen finden. Auch die Qumran-Funde bestätigten im Wesentlichen die bekannte Bibel. Geheime Evangelien oder Schriften gehören ebenfalls ins Reich der Mythen. Zwar wurden tatsächlich viele Schriften aufgrund von Zweifeln an deren Echtheit oder Relevanz nicht in die Bibel aufgenommen, aber diese Apokryphen sind deshalb trotzdem zugänglich – wer will kann sie lesen. So einfach ist das bei den Handschriften Lorbers im Allgemeinen leider nicht. Es ist daher zynisch, wenn eine abgeänderte und angepasste Neuoffenbarung als Korrektur einer angeblich abgeänderten und angepassten Bibel gutgläubigen Neuoffenbarungsfreunden verkauft wird:

»Eben darum aber erwählte Ich dich, weil du kein Schreiblustiger bist, um eben dadurch Meine Ware einmal ganz rein vor die Welt zu bringen«

(Himmelsgaben Band 2, 8. Februar 1844)

Was nützt es, wenn Lorber das, was er hörte, genau so wie er es hörte niederschrieb? Was hilft es, wenn er kein Schreiblustiger war und die Texte ganz rein vor die Welt brachte? Was helfen all die Beteuerungen, wenn der Verlag den Text anschließend abändert und die Öffentlichkeit dadurch Lorbers Texte gar nicht erst kennen lernt? Was hilft es dem Leser, wenn er diesem Text dann vertraut?

Er kann nicht den Lorber-Verlag kritisieren und der Neuoffenbarung glauben, wenn die Neuoffenbarung, die er kennt, das Werk des Verlages ist. Er kann dann eben nicht sagen, dem Verlag vertraue ich nicht, ich vertraue nur der Neuoffenbarung, da er ja letztlich keine Ahnung hat, was in der Neuoffenbarung, wie sie Jakob Lorber schrieb, überhaupt steht.

Klar kennt der Leser den Großteil der Geschichten, aber der Charakter eines Buches wie „die Erde“ verändert sich im Vergleich zu den heutigen Auflagen fundamental, wenn man die Erstausgabe liest (siehe oben).

Im Sinne von „Prüfet alles und das Gute behaltet“ wäre es notwendig, die Neuoffenbarung so zu drucken, wie sie Lorber einst geschrieben hat. Aber im Sinne einer breiten Akzeptanz unter den Lorberfreunden und für das Bild einer glaubwürdigen Offenbarung ist es natürlich einfacher, die Neuoffenbarung weiter zu zensieren und zu manipulieren. Nur so lässt sich die Naivität der gutgläubigen Leser weiter ausnutzen. Zu viele Neuoffenbarungsfreunde würden, wie ich, die Neuoffenbarung verwerfen, wenn sie die Wahrheit wüssten.

Die Neuoffenbarung, wie sie Neuoffenbarungsfreunde lesen und kennen, ist das Konstrukt eines Verlages. Erträglicher, scheinbar vertrauenswürdiger und auf jeden Fall schwerer zu widerlegen als das Original. Aber trotzdem nur ein kommerzielles Konstrukt und damit in jedem Fall Fiktion.


Änderungen im Einzelnen


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